Norbert Bischof Publikationen
Struktur und Bedeutung

Vorwort zur dritten Auflage

Dieses Buch richtet sich an Psychologen und andere Sozialwissenschaftler. Es vermittelt Kernkompetenzen, die man zur Analyse komplexer kausaler Strukturen benötigt. Sein Gegenstandsbereich wird heute oft «Systemtheorie» genannt und deckt weitgehend das ab, was früher «Kybernetik» hieß, ohne sich allerdings auf die hiermit meist fälschlich assoziierte Verkürzung auf «das Regelkreismodell» zu beschränken.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, wenn ein solches Unterrichtswerk eine dritte Auflage erlebt, denn seinem Thema wird im Lehrplan des Psychologiestudiums gar kein Platz zugewiesen. Freilich hat das Buch auch anderswo Resonanz gefunden – bei Biologen, nicht zuletzt dank des Einsatzes von Hubert Markl, und interessanterweise sogar bei Technikstudenten, die wohl auch nicht gleich im ersten Semester ins tiefe Wasser springen möchten. Aber das allein genügt nicht, um die teilweise horrenden Preise zu erklären, die für antiquarische Exemplare gefordert und wohl auch gezahlt werden. Offenbar füllt das Buch auch und in erster Linie in der Psychologie eine Marktlücke.

Natürlich gibt es etliche Lehrbücher der Regelungstheorie. Diese richten sich aber an angehende Ingenieure und sind auf deren Mentalität, Kenntnisstand und Interessenlage zugeschnitten. Die meisten Psychologen kommen da nicht mit. Sie mögen noch eben wissen, was eine geometrische Reihe, ein Logarithmus, ein Integral ist, sie erinnern mit Mühe die wichtigsten Differentiationsformeln, verstehen die Grundzüge der Trigonometrie, haben schon von der Exponentialfunktion gehört und davon, dass es imaginäre Zahlen gibt. Sie sind aber noch nie der Wunderwelt der Differentialgleichungen begegnet, sie haben keine Ahnung von der Eulerschen Formel und von so manchem anderen, das die Mathematik spannend macht und zum Verständnis der Systemdynamik unverzichtbar ist. Das alles stürzt in den genannten Werken unerläutert auf sie ein. Was fehlt, ist eine Einführung, die nur die übliche Abiturmathematik voraussetzt, die Leser dann aber nicht mit wohlfeilen Unverbindlichkeiten abspeist, sondern so gründlich informiert, dass sie in dem neuerschlossenen Medium kreativ zu denken lernen.

Diesem Ziel dient eine Reihe didaktischer Kunstgriffe, die sich in der praktischen Erprobung bewährt haben. Der wichtigste unter ihnen besteht darin, die Zeit als diskrete Variable zu behandeln. Das kommt nicht nur den Anforderungen der Computersimulation entgegen, sondern erlaubt auch, die Infinitesimalrechnung weitgehend durch das Rechnen mit endlichen Differenzen zu ersetzen. Wegen der fast durchgängigen Analogie zwischen Differential- und Differenzengleichungen kann man auch so alle wichtigen mathematischen Werkzeuge einführen; beispielsweise tritt an die Stelle der Laplacetransformation die leichter durchschaubare Z-Transformation. Mit Ausnahme der zunächst wohl entbehrlichen Frequenzgangdarstellung lassen sich auf diesem Wege alle relevanten Gebiete der Systemtheorie so erläutern, dass die Prinzipien transparent werden und dort, wo sich die Notwendigkeit ergibt, der Einstieg in die Spezialliteratur zu schaffen sein sollte.

Warum ist systemisches Denken für die Psychologie wichtig? Seit diese sich als empirische Wissenschaft etabliert hat, ringt sie um ihr Selbstverständnis. Nach dem Zeugnis namhafter Fachvertreter ist es ihr bis heute nicht gelungen, eine allgemein akzeptierte theoretische Basis zu erarbeiten. Nun könnte man zwar meinen, dass Systemtheorie in erster Linie zur Methodenlehre gehört und als solche zur theoretischen Fundierung nicht viel beitragen kann. Daran ist richtig, dass es bei ihr wesentlich um eine Form von Mathematik geht. Aber ihr Stellenwert ist ein ganz anderer als der der Statistik, an die man in der Regel denkt, wenn in der Psychologie von Mathematik die Rede ist. Mit statistischen Verfahren lassen sich Theorien überprüfen, stützen oder zu Fall bringen, aber nicht generieren oder auch nur abbilden. Die Rolle, die, sagen wir, die Vektoranalysis in der Physik spielt, werden sie nie beanspruchen können. Mit der Systemtheorie verhält es sich aber anders. Sie erlaubt wirklich, theoretische Probleme zu formulieren und zu lösen. Wer mit ihr arbeitet, ist immer wieder erstaunt, welche integrative Kraft sie zu entfalten, wieviel Klärungsarbeit sie zu leisten vermag. Ich hoffe, dass Leser, die sich auf dieses Buch einlassen, diesen Eindruck teilen werden.

Systemtheorie ist eben nicht allein Methodenlehre. Wenn die Psychologie das Fehlen eines theoretischen Fundaments beklagt, so greift diese Diagnose zu kurz: Woran es ihr eigentlich mangelt, ist ein Nährboden, auf dem ein solches Fundament überhaupt entstehen könnte. Ihr fehlt das große heuristische Narrativ. Die Physik hat ein solches Narrativ; es ist der Glaube an die Sphärenmusik einer kosmischen Harmonie, erkennbar an dem Vertrauen, mit dem man erwartet, auf Symmetrien, Erhaltungssätze und überhaupt auf einfache Zusammenhänge zu stoßen. Die Psychologen haben sich dieses Narrativ ausgeborgt; aber bei ihnen funktioniert es nicht.

Auch für sie aber läge ein solcher Kompass bereit, und die Systemtheorie könnte sie lehren, ihn zu nutzen. Den Technikern ist er seit je vertraut, und ebenso ordnet und lenkt er das Denken der Biologen (womit freilich nicht die Hirnforscher gemeint sind, denen Psychologen gern das Beiwort «biologisch» anheften). Dieses heuristische Narrativ – wir werden es in diesem Buch unter dem Stichwort des demiurgischen Prinzips kennenlernen – ist die Vision des kosmischen Ingenieurs, des Weltbaumeisters, der den Organismus unter der Leitidee nicht der Harmonie, sondern der Funktionalität, des «Wozu» konstruiert hat.

Mit der demiurgischen Frage eng verbunden ist das große Thema, mit dem die Kybernetik seit ihrer Begründung ringt, nämlich die Frage der semantischen Information. Sie spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle. Mein Interesse an diesem Thema wurde in vielen Diskussionen mit Donald MacKay geweckt, der es schon auf den legendären Macy-Konferenzen ins Zentrum gerückt hatte. Was hierzu in den Kapiteln 10 und 11 entwickelt wird, führt seine Anregungen weiter und lotet insofern zu den Ursprüngen der Kybernetik herab. Über den Weg, auf dem ich versuche, diese kryptische Dimension zu erschließen, sei hier nur angedeutet, dass dabei vor allem zwei Ideen richtungweisend sind: Einmal die konsequente Symmetrisierung der Semantik in einen kognitiven und einen intentionalen Pol, und zum anderen die gemeinsame Verankerung beider Pole an den Grundkategorien Optimalität und Homöostase.

Die Entstehungsgeschichte des Buchs reicht ziemlich weit zurück. Im Jahre 1965 habe ich erstmals eine zweisemestrige Einführungsveranstaltung «Kybernetik» am Psychologischen Institut der Universität München angeboten. Dieser Kurs stieß auf Interesse und wurde für mehrere Jahre zu einem festen Bestandteil des dortigen Diplomstudienganges. Bei meinem Wechsel an die Universität Zürich 1975 habe ich ihn, in inzwischen optimierter und allmählich zur Lehrbuchreife gediehener Form, dorthin transferiert.

Heutzutage, im Bologna-Zeitalter, besteht freilich kaum mehr Raum für derartige Lehrveranstaltungen; deshalb erschien es geboten, das Gewicht auf das Selbststudium zu legen. Die begleitenden Demonstrationen, die ursprünglich als Gruppenübungen angelegt waren, werden nunmehr demgemäß als im Netz abrufbare Applikationen angeboten.

Wie schon an der erheblich angewachsenen Seitenzahl erkennbar, wurde das Lehrbuch für die Neuauflage gründlich überarbeitet. Fast alle Kapitel wurden erweitert, teilweise aber auch gestrafft. Drei umfangreiche Kapitel sind neu hinzugekommen. Das Erscheinungsbild hält mit den fortgeschrittenen drucktechnischen Möglichkeiten Schritt.

Die Kapitel bauen aufeinander auf und sollten daher der Reihe nach bearbeitet werden. Mathematische Hilfsmittel, die bei der Bearbeitung des Stoffes vorausgesetzt werden, deren Erläuterung aber den Fluss der Darstellung allzu sehr aufhalten würde, sind in einem Anhang (15. Kapitel) zusammengefasst, auf den man bei Bedarf zugreift.

Dass eine so umfangreiche Neubearbeitung überhaupt in Angriff genommen wurde, liegt wesentlich am Interesse zweier jüngerer Kollegen aus – akademisch gerechnet – meiner Enkelgeneration, die mich dabei tatkräftig unterstützt haben. Es handelt sich um Michael Zehetleitner und Ulrich Steingen, die beide zu diesem Buch Kurse durchgeführt haben und in die Materie entsprechend tief eingedrungen sind.

Michael Zehetleitner hatte sich zudem mit den heute modernen Strukturgleichungsmodellen auseinandergesetzt, wobei ihm aufgefallen war, dass diese aus prinzipiellen Gründen gegenüber homöostatischen Systemen versagen müssen und daher für Kausalforschung in der Organismenwelt, also auch in der Humanpsychologie, nur sehr begrenzt einsatzfähig sind. Eine zeitlang wurde erwogen, diesem Thema, einschließlich einer Auseinandersetzung mit der Faktorenanalyse, ein eigenes Kapitel zu widmen und Michael Zehetleitner als Mitautor aufzunehmen. Das zerschlug sich dann, da ihn ein Ruf erreichte und mit dem Neuaufbau eines Instituts auslastete; so wurde schließlich entschieden, das Gegenstandsgebiet ganz aus diesem Buch herauszulassen und Michael zur eigenen Weiterverfolgung zu überantworten. Dessen ungeachtet hat er aber weiterhin wesentlich zur redaktionellen Arbeit beigetragen, nicht zuletzt auch dadurch, dass er seine äußerst kompetente Studentin Hannah Gross mit der Herstellung des Registers betraute.

Ulrich Steingen war mir in vielen Detailfragen ein wertvoller Diskussionspartner. Er hat das gesamte Manuskript kritisch und präzise gegengelesen; auf diese Weise konnten viele Fehler und Unklarheiten, die bei der Überarbeitung unterlaufen sind, behoben werden.

Eine wichtige Unterstützung kam ferner von Ulrich Bogun; er ist Fachmann für die Programmiersprache Xojo, in der die begleitenden Applikationen erzeugt wurden, und hat mich in vielen Detailfragen kompetent und außerordentlich hilfsbereit beraten.

Allen genannten, und meinem alten Freund Eckart Butenandt, der ebenfalls wichtige Teile des Manuskripts gegengelesen hat, sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Auf noch einem anderen Blatt steht die Hilfe, die meine Frau Doris Bischof-Köhler bei der kritischen Revision dieses Buchs geleistet hat; aber hier bedarf es für die Danksagung nicht des Umwegs über die Förmlichkeit eines veröffentlichten Vorworts.

Ich danke dem Hogrefe-Verlag und seiner aus dem Hans Huber-Verlag hervorgegangenen schweizerischen Zweigstelle, dass sie die Neubearbeitung möglich gemacht haben. Der Leiterin des Buchlektorats Psychologie, Frau Dr. Susanne Lauri, und dem Leiter der Herstellung, Herrn Daniel Berger, habe ich besonders für das ausgesprochen angenehmen Klima zu danken, in dem das Projekt realisiert werden konnte.

Bernried, im August 2016

Norbert Bischof