Norbert Bischof Publikationen
Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten

Vorwort

Dieses Buch handelt von der nobelsten, segensreichsten Errungenschaft der Humanität, der Krönung des Schöpfungswerkes. Es handelt von dem gefährlichsten, erbarmungslosesten Mordinstrument, dem mehr Menschen ihr Leben opfern mussten als den schlimmsten Naturkatastrophen. Es handelt von einem Schatz, dessen Makellosigkeit Festredner in vorgestanzten Wortschablonen zu preisen pflegen, ohne die Schlangen und Skorpione zu bemerken, die sich unter ihm sammeln. Es handelt von Gut und Böse, die sich als Antipoden gebärden und doch nur zwei Seiten derselben Sache sind. Es handelt von der Moral.

In unserem Land hat dieses Thema noch eine besondere Bedeutung. Unsere Geschichte hat uns dazu gebracht, das Volk der Juden in der tausendjährig ertragenen Rolle als Verkörperung des Bösen abzulösen. Der Tiefpunkt menschlicher Verworfenheit hat sein Symbol heute nicht mehr in der Kreuzigung Jesu, sondern im Holocaust, und der Teufel trägt jetzt die Züge des SS-Schergen. Die «späte Geburt» erweist sich hier als eine trügerische Gnade: Wir müssen erkennen, dass Schuld und Scham keine Privatsache der Täter sind.

All das ist Grund genug, sich mit der Psychodynamik der Werte zu beschäftigen und zu untersuchen, wie die Mechanismen funktionieren, die ihr zugrunde liegen. Von diesem brisanten Stoffgebiet handelt das Buch. Dabei geht es nicht darum, die trivialen Klischees bestätigend nachzuzeichnen, die jedem ohnehin geläufig sind. Gut und Böse haben eine Tiefendimension, die sich aus der Oberfläche des Weltgeschehens nicht ohne weiteres erschließt. Das Buch soll die systemischen Hintergründe des moralischen Erlebens, Verhaltens und Urteilens ausloten und sich dabei nicht scheuen, unbequeme Fragen aufzuwerfen, wohlfeile Antworten zu problematisieren, Tabus in Frage zu stellen und dort, wo das Undenkbare sichtbar zu werden droht, die Augen geöffnet zu halten.

Ich schreibe dieses Vorwort beim Eintritt in mein neuntes Dezennium. Das klingt schlimmer, als es heutzutage ist, und es hat auch seine Vorzüge. Ein Buch über Moral kann eigentlich nur in der Abenddämmerung des Lebens reifen. Und auch dann nur, wenn einem zuvor die Versuchung erspart blieb, sich der Karriere zuliebe in sterilem Spezialistentum zu verlieren. Kaum irgendwo wird so unabweislich wie bei diesem Thema die Nötigung spürbar, Einsichten aus verschiedensten Wissensbeständen zusammenzuführen – von der Erkenntnistheorie über die Allgemeine Psychologie und die Evolutionsbiologie bis zur Soziologie und Kulturanthropologie. Und – leider – auch, nun gut, vielleicht nicht mehr die Theologie, aber doch immerhin die Philosophie muss man, ach! mit heißem Bemüh'n studiert haben. Manche meinen zwar, sie sei längst zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten verkommen, aber das kann nur beurteilen, wer sich zuvor selbst in diese Spielwiese ungeerdeter Spekulationen hineinbegeben und darauf vertraut hat, für solches Bemühen mit der Frucht vom Baum der Erkenntnis belohnt zu werden.

Das Buch bildet den Abschluss einer Trilogie, die vor vierzig Jahren mit den Titeln «Das Rätsel Ödipus» und «Das Kraftfeld der Mythen» etwa zeitgleich in Angriff genommen wurde. Auslösend war eine Einladung von Gunther Stent, 1977 auf einer Dahlem-Konferenz zum Thema «On the Phylogeny of Human Morality» zu referieren. Mein Korreferent war damals John Maynard Smith. Seitdem habe ich über das Thema geforscht, nachgedacht, Material gesammelt, Vorträge und Vorlesungen gehalten. Und ich habe über alle erdenklichen Detailfragen mit so vielen Kollegen aus den verschiedensten Disziplinen diskutiert, dass ich schlechterdings nicht mehr in der Lage bin, ihnen hier unter Namensnennung persönlich zu danken.

Rückblickend bemerke ich beim Vergleich der genannten Bücher eine zunehmende Steigerung der stilistischen Disziplin. Beim «Rätsel Ödipus» konnte die Lektüre noch stellenweise zum spielerischen Verweilen einladen und einfach nur Spaß machen. Dem «Kraftfeld der Mythen» kam der Auflockerungseffekt der narrativen Inhalte zugute. Beim vorliegenden Buch geht es konzentrierter zur Sache, wofür ich nicht zuletzt Ulrich Nolte zu danken habe, der die Entstehung des Manuskripts über Jahre hinweg kritisch und anregend begleitet hat.

Kurzfristig bestand die Versuchung, zum lockeren Duktus des «Ödipus» zurückzukehren, das habe ich aber schnell wieder bleiben lassen. Erstens würde eine solche Darstellungsform, wenn sie sich wiederholt, zur Manier ausarten. Und zum anderen verbietet der Ernst des Themas ein Abgleiten in den Plauderton.

Das Buch ist, wie ich hoffe, dennoch stimulierend und informativ geschrieben; aber es richtet sich an Leser, die zur Auseinandersetzung bereit sind. Es ist ein anspruchsvolles Sachbuch der alten Art, für die sich heute kaum ein Autor mehr die Zeit nimmt. Dass es überhaupt erscheinen konnte, ist nicht selbstverständlich. Die Buchindustrie kämpft im digitalen Zeitalter zunehmend um ihre Existenz. Sie entkommt immer schwerer der Diktatur des billigen, am Talkshow-Niveau geeichten und an kurzlebige Sensationslust appellierenden Bestsellers, der in vielstöckigen Literatur-Supermärkten auf Rampe liegt. Insofern habe ich Grund, Max Höfer, Alexander Demandt, Ernst Peter Fischer und Heiko Ernst zu danken, die mir behilflich waren, nach dem Ende der Ära von Klaus Piper neue Verlagskontakte zu knüpfen. Und ich danke Johannes van Ooyen vom Böhlau-Verlag dafür, dass er den Mut hatte, sich auf das Unternehmen einzulassen.

Bernried, im Dezember 2011
Norbert Bischof