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Das Kraftfeld der Mythen

Vorwort

Als ich vor einigen Jahren einen Vortrag über Themen aus meinem Buch «Das Rätsel Ödipus» zu halten hatte, kam es, zwanzig Minuten nach Beginn, zu einem kleinen Eklat. Einer der Zuhörer, seines Zeichens praktizierender Psychotherapeut, sprang auf und verließ mit dem vernichtenden Ruf «Wo bleibt hier die Seele?» den Saal.

Eine Überreaktion, sicher, aber keine ganz unverständliche. Das genannte Buch handelte vom Menschen; sein Thema war im Grunde der Entwurf einer disziplinübergreifenden Anthropologie. Gleichwohl redete es in der Sprache der Verhaltensbiologie. Ich meine zwar auch heute noch, daß diese dem Gegenstand durchaus angemessen sein kann; aber ein Menschenbild, bei dem die Innerlichkeit randständig bleibt, ist wirklich ein Torso.

Das Fehlende soll hier nachgeholt werden. Es geht um ein Thema, bei dem sich der Naturwissenschaftler von vornherein neidlos für unzuständig erklärt – um Inhalte der Phantasie. Ich bin darauf schon während der Arbeiten am vorerwähnten Buch gestoßen. In diesem steht, daß die Inzestscheu weitaus älter sei als der Mensch.

Nun machen aber dreiviertel aller Kulturen in ihrem Mythengut vom Inzestmotiv Gebrauch. Da stellt man sich schon die Frage, was das zu bedeuten hat. Verweist es am Ende doch auf tiefsitzende «ödipale» Wünsche von der Art, wie Sigmund Freud sie postuliert hat? Die bloße Tatsache, daß die Menschheitsphantasie so hartnäckig um dieses und andere, ähnlich provokante Themen kreist, fordert doch eine Erklärung.

Ich begann daher damals schon, mich mit Mythen zu beschäftigen. Mit der Zeit gewann das Thema an Umfang und Bedeutung. Die Implikationen erwiesen sich als derart reich, und sie wuchsen so sehr über die ursprünglich anvisierte Inzest-Thematik hinaus, daß der Plan einer eigenen Monographie reifte.

Kann der Mythos überhaupt legitimer Gegenstand der Psychologie sein? Das ist nicht selbstverständlich, denn was man über ihn aussagt, basiert auf dem Verfahren der Deutung. Dieser aber haftet hartnäckig der Geruch der Unverbindlichkeit an – es assoziiert sich so leicht, wenn man nur über ein wenig Einbildungskraft verfügt. Und da jeder dabei von seinem eigenen Erfahrungsfeld ausgeht, ist es auch gar nicht weiter verwunderlich, wenn eben in einer und derselben mythischen Handlung der Historiker den Legitimationsversuch einer damals zur Macht gelangten Dynastie, der Anthropologe die Untermalung tradierter Riten oder den Niederschlag des Überganges vom Wildbeuter- ins Pflanzerstadium, der Naturkundler Erklärungsversuche für irgendwelche physikalischen, biologischen oder geographischen Auffälligkeiten, der Tiefenpsychologe Anklänge an Träume seiner Patienten und jedermann seine eigene Lieblingsphilosophie wiederzuerkennen meint.

In den empirischen Wissenschaften gilt die eiserne Regel, daß man nicht alles, was einleuchtet, auch für wahr halten darf. Ein Experiment mag die Erwartung bestätigen, daß zwischen zwei Größen ein Zusammenhang besteht; aber das besagt noch nichts, solange statistische Signifikanztests nicht hinreichend unwahrscheinlich gemacht haben, daß das Ergebnis zufällig zustandekam. Jeder Empiriker unterscheidet zwischen Daten, die er verwerten kann, und Daten, die nur so aussehen, als hätten sie etwas zu bedeuten. Das irritiert eben so an der mythenkundlichen Erbauungsliteratur: Da gibt es kein winziges Detail der Geschichte, in dem sich nicht in scheinbarer Folgerichtigkeit ein tiefer Sinn offenbart. Gerade dadurch, daß hier alles stimmt, stimmt gar nichts, gerade dadurch, daß alles seine tiefsinnige Valenz hat, wird alles entwertet.

Kennt auch die Hermeneutik, die Deutungslehre, Kriterien für Inhalte, denen man einen Symbolgehalt zuweisen darf, im Unterschied zu anderen, bei denen man das besser bleiben läßt? Und wie interpretiert man das, was dann übrigbleibt? Hat sich auch das Verstehen einem Regelkanon zu fügen? Dieses Buch versucht, ein Stück weit in diesen unerschlossenen Problemkomplex vorzudringen.

Seine Grundidee ist die, daß Mythen in einem besonderen Bezug zur emotionalen Entwicklung stehen. Dieser Gedanke ist nicht neu; von Sigmund Freud, der als erster eine dramatische Phase der Kindheit nach dem Helden eines griechischen Mythos benannte, bis zu Erich Neumann, der die Schöpfungsmythen als Reflexionen einer «Ursprungsgeschichte des Bewußtseins» verstand, sind Mythenkunde und Entwicklungspsychologie miteinander verklammert. Neu und, wie ich hoffen möchte, für den Leser hinreichend interessant und aufschlußreich ist die Art, wie dieser Grundgedanke hier inhaltlich umgesetzt wird.

Der Eindruck drängt sich auf, daß die Entwicklungspsychologie ein paar neue Anregungen ganz gut verkraften kann. In letzter Zeit hat sie, was die Genese der Erkenntnisfunktionen anbetrifft, recht bemerkenswerte Erfolge erzielt. In der dunklen Welt der emotional-affektiven Entwicklung herrscht jedoch noch ziemliche Orientierungslosigkeit. Der akademischen Forschung fehlt in diesem Gegenstandsbereich zur Zeit ein theoretisches Bezugssystem. Der klinische Praktiker muß sich, trotzig oder resigniert, mit dem Fachjargon begnügen, in dem er seine Lehranalyse absolviert hat, und die Einsicht verdrängen, wie widersprüchlich oder verschwommen dieser doch im Grunde ist. Es war mir ein Anliegen, hier Abhilfe zu schaffen.

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