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Von Natur aus anders

Vorwort zur vierten Auflage

Jede Neuauflage ist ein Anlass, vormalige Aussagen zu überprüfen und empirisch zu vertiefen. Zuweilen gilt es, substantiellen Umbrüchen gerecht zu werden, öfter indessen wird man feststellen, dass sich nicht allzu viel geändert hat. Mein Eindruck geht auch diesmal eher in die letztgenannte Richtung. Die weibliche Benachteiligung besteht trotz einiger positiver Veränderungen noch immer, und man macht dafür nach wie vor in erster Linie gesellschaftliche Widerstände verantwortlich. Die Möglichkeit spezifisch gelagerter weiblicher Präferenzen, die sich Frauen nicht ohne Weiteres ausreden lassen, bleibt ein Thema von beträchtlichem Reizwert. Neu ist, dass das männliche Geschlecht in eine Art «Problemkonkurrenz» zu den Mädchen tritt, man stößt immer häufiger auf das Thema «benachteiligte Jungen».

Die Rückmeldungen zu dem Buch waren in der Mehrzahl erfreulich. Wie zu erwarten, blieb freilich auch gereizte Kritik nicht aus. Man rechnete nach, wie alt die zitierte Literatur ist, gerade so als würde jede neue Veröffentlichung automatisch zunichte machen, was fundierte empirische Forschung zuvor dokumentiert hat. Ich darf versichern, dass ich mich bezüglich des Forschungsstandes auf dem Laufenden halte und es unverzeihlich finden würde, aktuelle Befunde zu ignorieren, weil sie eigenen Thesen widersprechen. Aber beim modernen Veröffentlichungsbetrieb ist eine Auswahl unvermeidlich, und sie sollte sich an der Substanz und nicht am Erscheinungsjahr orientieren.

Bei der Überarbeitung war es mein Anliegen, die Ausführungen in möglichst allen Bereichen auf den neuesten Wissensstand zu bringen. Dabei habe ich mich, wo immer sie zugänglich waren, auf Originaluntersuchungen konzentriert. Nicht alle in dem Buch angesprochenen Inhalte sind allerdings in der neueren Forschung vertreten, zuweilen wohl auch deshalb, weil man das Thema fälschlich für erledigt oder einfach für zu brisant hält. Wie in den vorigen Auflagen liegt auch in der vierten der Schwerpunkt der Diskussion auf motivationspsychologischen Befunden als Hauptquelle geschlechtstypischer Stärken und Schwachstellen insbesondere im Bereich des Selbstvertrauens und des Konkurrenzverhaltens. Bei den kognitiven Unterschieden beschränke ich mich hingegen auf das Wesentliche, da ich ihre Bedeutung für zweitrangig halte. Der derzeit zu beobachtende Boom der Neurowissenschaften fördert nahezu wöchentlich neue Erkenntnisse zu gehirnanatomischen und physiologischen Geschlechtsunterschieden zu Tage; ich habe mich entschieden, darauf nur in den notwendigsten Fällen einzugehen und auf die Fachliteratur zu verweisen, weil eine erschöpfende Darstellung den Rahmen dieses Buches sprengen würde.

In der öffentlichen Rezeption bestehen noch immer erhebliche Unterschiede in der Bereitschaft, biologische Gesichtspunkte bei unserem Thema für relevant zu halten. Wo der biologische Ansatz, meist in kurzen Nebensätzen, als Erklärung geschlechtstypischen Verhaltens für ungeeignet erklärt wird, hat man allerdings selten den Eindruck, das Urteil in dem an Fallstricken reichen Problemfeld der Anlage-Umwelt-Interaktion beruhe auf profunder Fachkompetenz. Bezüglich der Ursachenfrage verharren viele nach wie vor auf der vereinfachenden Vorstellung eines Entweder-Oder, was es schwer macht, eine differenzierte Sicht des Sowohl-Als-Auch zu vermitteln, vor allem, wenn dies in kurzer Form geschehen soll – nicht umsonst umfasst das Buch 400 Seiten.

Bei der Sichtung populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen bestätigt sich das Bild einer Polarisierung der Positionen. Einerseits besteht eine Tendenz, Geschlechtsunterschiede verschwinden zu lassen, indem man die Beweiskraft empirischer Befunde in Frage stellt oder ihre Bedeutung wegen geringfügiger Ausprägung herunterspielt. An mehreren Beispielen wird in dem Buch demonstriert, warum sich ein solches Vorgehen als kontraproduktiv erweisen kann – man muss die Geschlechtsunterschiede ernst nehmen, wenn man ihre negativen Auswirkungen in den Griff bekommen möchte.

Es zeichnet sich aber auch ein Trend ab, der genau in die andere Richtung geht. Angesichts einiger Veröffentlichungen könnte man geradezu von einem Biologie-Boom reden; aber auch er hinterlässt Unbehagen, weil er sich im Endeffekt negativ auf die Akzeptanz biologischer Argumentation auswirkt und das in einigen Fällen aus nachvollziehbaren Gründen. Manche Autoren bieten Biologie-Kritikern nämlich eine willkommene Angriffsfläche, indem sie biologische Komponenten einseitig überbetonen, etwa wenn sie Hormonen die beherrschende Rolle bei der Verursachung geschlechtstypischen Verhaltens zuweisen. Ohne Zweifel liegen neue spannende Befunde aus der Endokrinologie insbesondere zum Statusverhalten und zur Fürsorglichkeit beider Geschlechter vor, die natürlich in die Neuauflage Eingang gefunden haben. Nur scheint es mir unumgänglich, ihren relativen Stellenwert im Konzert aller möglichen Einflussfaktoren angemessen zu bestimmen. In Anbetracht der Komplexität menschlichen Verhaltens sollte man vorschnelle Generalisierung vermeiden, auch wenn einen die Begeisterung über einen Befund einmal «wegzutragen» droht. Ob mir das immer gelungen ist, sei dahingestellt, zumindest habe ich mich darum bemüht.

Bleibt mir, den Mitarbeitern vom Kohlhammer Verlag, insbesondere Frau Ulrike Döring, herzlich für gute Zusammenarbeit zu danken. Zu meiner Freude haben die Picasso-Erben erneut die Erlaubnis für das Titelbild gegeben. Picasso hat seine besonderen Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis, wobei er in künstlerischer Freiheit da und dort doch, wie mir scheint, ein wenig übertreibt. So groß sind die Unterschiede letzten Endes auch wieder nicht!

Bernried, im Juli 2011
Doris Bischof