Doris Bischof-Koehler Forschung

Geschlechtsunterschiede:
Von Natur aus anders

Auch heute noch wird immer wieder die Meinung vertreten, geschlechtstypische Verhaltensunterschiede seien ausschließlich soziokulturell bedingt. Von einer Gleichbehandlung der Geschlechter erwartet man sich demgemäß eine Nivellierung solcher Unterschiede und damit ein Ende der weiblichen Diskriminierung. Diese Position läßt sich angesichts der empirischen Evidenz aber nicht aufrechterhalten, sie erweist sich unter Umständen sogar als kontraproduktiv. Will man Geschlechtsunterschiede angemessen erklären und gesellschaftlich integrieren, kommt man nicht umhin, auch Anlagefaktoren einzubeziehen. In den angeführten Veröffentlichungen wird evolutionsbiologisch begründet, warum sich die Geschlechter bereits von Natur aus im Verhalten unterscheiden.

Im männlichen Geschlecht liegt der Schwerpunkt auf einer spezifischen Wettkampfmotivation mit ritualisierter Aggressionskontrolle, erhöhter Unternehmungslust und der Bereitschaft zu stabilen Rangordnungen («Dominanzhierarchie»). Diese durch den Einfluß von Androgenen während der Foetalzeit physiologisch fundierten Dispositionen äußern sich bei Jungen bereits im ersten Lebensjahr in stärkerer Durchsetzungsorientiertheit sowie einem höheren Interesse an der Erkundung von Neuem. Ferner zeigen Jungen bereits im Kindergarten eine Vorliebe für Raufspiele und bilden stabile Rangbeziehungen.

Im weiblichen Geschlecht bestand evolutionär keine Notwendigkeit, eine Wettkampfmotivation auszubilden. Das Schwergewicht in der Veranlagung liegt vielmehr auf dem Interesse an fürsorglichem Handeln und persönlichen Beziehungen, das von den ersten Lebenstagen an erkennbar ist und sich kulturübergreifend bereits bei kleinen Mädchen in der unabhängig vom Spielzeugangebot entwickelten Vorliebe für das Puppenspiel manifestiert. Im Konflikt und Rangverhalten zeigen Mädchen ebenfalls ein spezifisches Muster, das sich vom männlichen aber deutlich unterscheidet. Mädchen beziehen ihren Status in erster Linie aus Anerkennung und prosozialer Dominanz («Geltungshierarchie») und äußern Aggression vornehmlich, indem sie die Beziehung in Frage stellen.

Die Tatsache, das diese Anlageunterschiede mit gängigen Stereotypen weitgehend deckungsgleich sind, spricht nicht dagegen, daß sie gleichwohl existieren. Ihre Wirksamkeit läßt sich durch Befunde aus der Endokrinologie, dem Kulturvergleich und der Entwicklungspsychologie vielfältig belegen. Die evolutionsbiologische Betrachtung läßt auch verständlich werden, worin die Überbewertung des Männlichen ihre Grundlage hat, wieso Frauen bei der Konkurrenz mit Männern so häufig den Kürzeren ziehen und warum eine Gleichbehandlung der Geschlechter nicht geeignet ist, die Diskriminierung zu beenden.

Literatur

Von Natur aus anders

Von Natur aus anders
Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede

Über dieses Buch


 

Bischof-Köhler, D. (2010): Von Natur aus anders. Zur Entstehung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In E.-P. Fischer & K. Wiegandt (Hrsg.), Evolution und Kultur des Menschen (304-339). Frankfurt: Fischer.

Bischof-Köhler, D. (2010). Evolutionäre Grundlagen geschlechtstypischen Verhaltens. In G. Steins (Hrsg.), Handbuch Psychologie und Geschlechterforschung (153-172). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bischof-Köhler, D. (2010). Geschlechtstypisches Verhalten von Mädchen unter evolutionstheoretischer und entwicklungspsychologischer Perspektive. In M. Matzner & I. Wyrobnik (Hrsg.), Handbuch Mädchen-Pädagogik (79-94). Weinheim: Beltz.

Bischof-Köhler, D. (2009). Geschlecht. In E. Bohlken & Ch. Thies (Hrsg.), Handbuch Anthropologie. Der Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik (332-336). Stuttgart: Metzler.

Bischof-Köhler, D. (2009). Evolutionsbiologische und
entwicklungspsychologische Erkenntnisse und ihre Relevanz für die Geschlechterpädagogik. In M. Behnisch & M. Winkler (Hrsg.), Soziale Arbeit und Naturwissenschaft (121-133). München: Reinhardt.

Bischof-Köhler, D. (2008). Geschlechtstypisches Verhalten von Jungen aus evolutionstheoretischer und entwicklungspsychologischer Perspektive. In M. Matzner & W. Tischner (Hrsg.), Handbuch Jungen-Pädagogik (18-33). Weinheim: Beltz.

Bischof-Köhler, D. (2004). Von Natur aus anders. 'Die kleinen Helden' aus evolutionärer Perspektive. Vortrag an der Tagung: «Hilfe für die kleinen Helden. Perspektiven der Jungenpädagogik». Evang. Akademie Loccum, 12. bis 14.11.04     Vortrag (pdf)

Bischof-Kohler, D. & Bischof, N. (2000), Die Differenz der Geschlechter aus evolutionsbiologischer und entwicklungspsychologischer Perspektive. Nova Acta Leopoldina, NF 82, Nr. 315, 79-96.

Bischof-Köhler, D. (1992). Geschlechtstypische Besonderheiten im Konkurrenzverhalten: Evolutionäre Grundlagen und entwicklungspsychologische Fakten. In G. Krell & M. Osterloh (Hrsg), Personalpolitik aus der Sicht von Frauen (251-280). München: R. Hampp. Nachdrucke 1993 in G. Grözinger, R. Schubert & J. Backhaus (Hrsg), Jenseits von Diskriminierung. Marburg: Metropolis Verlag, und 1997 in Wunderer, R. & Dick, P. (Hrsg.), Frauen im Management. Neuwied: Luchterhand.

Bischof-Köhler, D. (1990). Zur Psychobiologie geschlechtstypischen Verhaltens: «genetisch» bedingt, «natürlich» bedingt – oder was? Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 34, 202-204.

Bischof-Köhler, D. (1990). Frau und Karriere in psychobiologischer Sicht. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 34, 17-27.